Brauchtum in Europa, die lebendige Bewahrung kultureller Werte

Wer von Brauchtum spricht, muss sich Fragen gefallen lassen.

Da gibt es in Europa verschiedentlich einen ewiggestrigen Regionalismus der sich gegen alles, was neu und anders ist, sträubt. Es gibt auch eine gemütlich verklärte Vergangenheitswahrnehmung, die nur noch in Heimatmuseen lebendig werden kann.

Meinen wir das, wenn wir in unserer Darstellung des Vereinsprofils vom "ausgraben erhaltener Brauchtumsreste" sprechen? Sicher nicht, denn Beides ist rückwärtsgewandt in einer Welt der Globalisierung der Märkte, der Kommunikation und des sozialen Kapitals.

Worum geht es uns also?

Unsere Vorstellungen schließen immer eine Bewahrung tradierten, in der Praxis erprobten Wissens ein. Wir betonen allerdings deutlich, dass dieses überlieferte Wissen in unsere Gegenwart hinein übersetzt werden muss. 

An einer lebendigen Bewahrung kultureller Werte gebricht es jedoch unserer Kultur, die der Spur schnelllebiger Modetrends gern folgt. Ein oft beklagter Werteverlust geht einher mit einem Verlust von Erfahrungswissen. Dies nimmt ständig zu, während andererseits Umfang und Tempo wissenschaftlicher Veröffentlichungen jedes Maß hinter sich lässt. Dabei handelt es sich um wissenschaftliche Erkenntnisse, die meist andere Quellen haben, als tradiertes Erfahrungswissen. Es sind die Migranten in unserer Gesellschaft, von denen wir lernen können, was es an Problemen mit sich bringen kann, die eigene, kulturelle Identität zu verlieren. Dieser Spiegel zeigt unser eigenes Gesicht. Fern jeder Romantik ist dasselbe Phänomen auch beispielhaft in den Reservaten der Ureinwohner in den USA zu beobachten, wo Alkoholabhängigkeit ein großes Thema ist. Verlust der eigenen kulturellen Bezüge ist ein wesentlicher Faktor dieses Elends.

Der Verlust der kulturellen Identität ist für jeden Menschen ein Verlust eines Rahmens, indem die Selbstverortung stattfinden kann. Das zieht notwendigerweise Krankheitserscheinungen nach sich, wie bei Bäumen, deren Boden ausgelaugt und trocken ist. Eine Therapie kann hier nicht in der Suche nach der sprichwörtlich "heilen Welt" bestehen. Heilung dieser Erkrankung, an der gerade auch Europäer leiden, kann nur in einem breiten, gesellschaftlichen Diskurs um die Belebung alter Wurzeln und neuer Blüten dieses "Baums" liegen. Selbstredend muss auch der Boden nach alter Sitte gewässert werden. Hier sind alle gesellschaftlichen Kräfte aufgefordert, sich engagiert einzubringen. Unser Verein "schamanisches Netzwerk Europa e.V." bezieht sich dabei auch auf das Programm der UNESCO zur Bewahrung immateriellen Kulturerbes. Ziel dieses Projektes ist, die "Vielfalt der lebendigen kulturellen Ausdrucksformen wie Tanz, Theater, Musik, mündliche Literaturformen, Sprachen, Bräuche, Feste, Handwerkstechniken und Wissensformen als Teil des Kulturerbes der Menschheit zu erhalten." In dem Übereinkommen heißt es auch: "Dieses immaterielle Kulturerbe, das von einer Generation an die nächste weitergegeben wird, wird von Gemeinschaften und Gruppen in Auseinandersetzungen mit ihrer Umwelt, ihrer Interaktion mit der Natur und ihrer Geschichte fortwährend neu geschaffen und vermittelt ihnen ein Gefühl von Identität und Kontinuität.

Auf diese Weise trägt es zur Förderung des Respekts vor der kulturellen Vielfalt und der menschlichen Kreativität bei. "So entsteht vor unseren Augen ein Entwurf zur Förderung einer zeitgemäßen kulturellen Identität der Menschen in Europa. Vernetzt mit tradierten Werten und Erfahrungswissen, die Vielfalt aller Möglichkeiten respektierend, zeigt sich diese Vision deutlich. Altes und Neues müssen fusionieren um lebendig zu bleiben. Im Kontext einer westlichen Kultur rückt auch die Rolle der Wissenschaft ins Zentrum der Betrachtung. Eine vernetzte und neu überarbeitete Form des Erfahrungswissens kann auch für belebende Impulse im Bereich der klassischen Wissenschaften sorgen. Um all das geht es, wenn wir von „Brauchtumspflege“ sprechen.

Jean Jaures hat dies so ausgedrückt: „Tradition ist nicht Asche aufbewahren, sondern die Flamme am Brennen zu halten.“

Melde Dich an um zu kommentieren

Kommentare

Please set any module id or module position from the plugin setting page